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Irgendwas regt mich immer auf

Wenn es ein Thema gibt, bei dem sich alle derzeit im Bundestag vertretenen Parteien einig sind, dann dieses: Bildung und Forschung ist das Thema der Zukunft. Deutschland gibt zu wenig Geld für seine jungen Generationen aus. Mangelnde personelle und infrastrukturelle Anstrengungen fangen im Kindergarten an und ziehen sich bis zum (leider teilweise kostenpflichtigen) Studium.

Die meisten dieser Forderungen sind jedoch nur hohle Phrasen, wie man bei genauerem Hinsehen merkt, denn den nötigen großen Wurf traut sich fast keine der Parteien zu. Und klein-klein wird nicht ausreichen.

Beispiel Zuständigkeit: Bildung gehört in die Hand des Bundes. Ganz klar. Was für ein Sinn hat es, in Deutschland 16 verschiedene Bildungssysteme am Start zu haben? Diese Systeme unterscheiden sich aktuell im Inhalt (Lehrplan), Struktur (Ab welcher Klasse wird nach Schulsystem getrennt?) und -- ganz wichtig! -- finanzieller Kapazität. Ein reiches Bundesland kann mehr für seine Kinder tun als ein armes Bundesland. Ein Kind in Bremen hat weniger Bildungsmöglichkeiten als ein Kind in Bayern, selbst bei vergleichbarem Elternhaus. Wo da die Gerechtigkeit und Chancengleichheit liegt soll mir mal einer erklären.

Eine Partei wie CDU/CSU schreibt beispielsweise in ihrem Wahlprogramm:

Wir wollen bis 2015 gesamtstaatlich zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Bildung und Forschung investieren.

Klingt gut. Aber dann:

Bildung bleibt Ländersache, wie es im Grundgesetz geregelt ist.

Eeeeek. Danke fürs Mitspielen.

Und nicht, daß mir jetzt einer kommt und sagt, wenn es nunmal im Grundgesetz stünde, müsse man das eben so akzeptieren. Diesen Passus kann man mit den entsprechenden Mehrheiten ändern und so zukunftsfähiger gestalten (und, by the way, SPD und CDU hätten in der jetzt auslaufenden Legislaturperiode die nötige Mehrheit im Bundestag dazu besessen!).

Beispiel Schulsystem: Kinder müssen länger zusammen lernen. Was hat sich dieses Land nach dem Pisa-Desaster vor ein paar Jahren aufgeregt. Was haben die politischen Meinungsmacher neidisch u.a. nach Norden zu unseren skandinavischen Nachbarn geblickt. Hätten sie nicht nur mal gegafft, hätten sie sich auch mal was abgeschaut!  Nämlich beispielsweise, daß es sinnvoll ist, Kinder bis zur zehnten Klasse zusammen zu unterrichten und erst danach die einen Abschlüsse, die anderen das Abitur anstreben zu lassen.

Nein, hierzulande hält man zwanghaft an diesem System aus dem 19. Jahrhundert fest, selbst gegen Widerstände von Eltern. Auch neuere Untersuchungen, die zeigen, daß die Zuweisung eines Schultyps nach der Grundschule für jedes dritte Kind falsch ist, kann diverse Bildungsbetonköpfe nicht irritieren.

Man könnte noch einiges mehr aufzählen, an dem das Bildungssystem in seiner Gesamtheit krankt.

Da Bildung nunmal aktuell leider noch Ländersache ist, kann ich mich bei der Bewertung, wie gut die verschiedenen Parteien in der Vergangenheit dieses Problem angefasst haben, auch nur auf das Bundesland beziehen, in dem ich lebe. Hessen. Aber das macht ja nichts, denn Hessen ist ja in der “glücklichen” Lage, in den letzten Jahren Regierungen gehabt zu haben, wo jeder mal dran war: Erst SPD und Grüne, dann CDU und FDP, schließlich CDU alleine (und jetzt wieder zusammen mit den gelben, aber das ist noch zu kurz).

Wenn eine dieser Parteien wirklich, wirklich massiv für Bildung hätte eintreten wollen, dann hätten sie es tun können. Haben sie aber nicht. Die einen haben die Anzahl der Lehrer reduziert, die anderen haben Studiengebühren eingeführt.

Es bleibt also nur noch eine Partei, die auch ruhig mal die Chance haben sollte, im Minenfeld Bildungspolitik herumzuspazieren. Und deren Fraktionschef hebe ich einfach mal auf den Sessel des Bundesministers für Bildung und Forschung in meinem Wunschkabinett:

250px-Gregor_Gysi

Gregor Gysi (Die Linke)

So. Und bevor ich ellenlang Zitate von ihm niederschreibe, erteilen wir ihm doch einfach selbst das Wort:

Ich glaube, er wäre auf dem Posten ganz gut aufgehoben. Dem Amt selbst würde es in jedem Fall guttun, wenn es von einem politischen Schwergewicht der ersten Reihe ausgefüllt wird.

9 Kommentare zu “Wunschkabinett: Bildung- und Forschungsminister”

  1. T.Stahlam 30.09.2009 um 15:37

    Ein Jurist. Als Minister für Forschung und Bildung.
    Warum nicht jemanden aus der Bildung oder Forschung?
    Zumindest hat er drei Kinder, d.h. er muß(te) sich mit Schule und (Aus)Bildung beschäftigen.

    Bayern finden es bestimmt gut, daß Bildung Ländersache ist und ihre Kinder nicht auf eine Schule auf dem niveau von Bremen gehen müssen. Bremer hingegen… Aber das erklärt sich von selbst.
    Auf welches Niveau sollen wir denn bundesweit vereinheitlichen? Auf das von Bremen, das von Bayern oder eines dazwischen. Den Bayern und Baden-Württembergern wird es nicht gefallen. Entweder sinkt das Niveau oder sie müssen den Bremern finanziell unter die Arme greifen.

    Kinder werden NIE die gleichen Bildungschancen haben. Sollte ich mal Kinder haben, werden die es besser haben als der Durchschnitt. Nicht weil ihre Eltern überdurschnittlich verdienen, sondern weil ihre Eltern ihnen in allen Fächern helfen können und sie zwei- bis dreisprachig aufwachsen.

    Es gibt ein Mindestniveau. Das Abitur ist praktisch kostenlos. Man kann anschließend mit Bafög studieren oder vor dem Studium SAZ2 oder 4 machen.

  2. C.Stahlam 01.10.2009 um 18:40

    Was mich an Gysi stört ist seine Realitätsfremdheit. Jeder soll eine Chance auf einen Ausbildungsplatz bekommen. Schön. Hätte er mal die Pfeifen gesehen, die in meiner Berufschulklasse waren. Wenn ich Chef gewesen wäre, hätte ich die nicht eingestellt. Manche hatten nach zwei Jahren noch keine Formelsammlung oder einen Taschenrechner. Rechnen kann man ja auch mit dem Handy. Es muss aber dafür immer das neueste sein. Was die Sache mit dem Migrationshintergrund angeht, gebe ich ihm teilweise recht. Die drei-vier Russsen die da waren, haben sich angestrengt. Aber die anderen konnte man getrost in der Pfeife rauchen. Wenn ich mir nun vorstelle, ich hätte mit denen auch noch mehr als vier Jahre Grundschule bestreiten müssen, wird mir ganz schwindelig. Die hätten das Niveau doch komplett runtergerissen. Ein Lehrer bei uns hat den Notenschnitt aufgrund dessen mal soweit runtergedrückt, dass man bei 67% schon eine Zwei bekommen hat. Dies war dann auch die einzigste Arbeit, die wir in drei Jahren Berufschule nicht nachschreiben mussten. Und da sagt ein Gysi, dass jemand der nach der vierten Klasse ruhig aufs Gymnasium gehen könnte noch zwei oder mehr Jahre mit solchen Typen in einer Klasse sein soll, obwohl die auf der Hauptschule schon überfordert wären.
    Das eigentliche Problem unseres Schulsystems sind doch die Schüler. Sascha, hat es dir oder mir geschadet, dass wir nsch der vierten Klasse nach Hadamar gegangen sind? Ich glaube nicht. Aber wir hatten auch noch eine andere Einstellung.

  3. Blogwartam 01.10.2009 um 19:07

    @T:
    1. “Ein Jurist”. Ja und? Wo ist das Problem? Siehe auch meinen Kommentar bei meinem Wunsch-Verteidigungsminister.

    2. “Kinder werden NIE die gleichen Bildungschancen haben.” Wieso? Die Probleme sind menschengemacht, also können auch Menschen sie lösen. Man muss es nur _wollen_, und darf nicht resignieren (letzteres schimmert bei dir ein wenig durch).

  4. Blogwartam 01.10.2009 um 19:13

    @C:
    1. “Hätte er mal die Pfeifen gesehen, die in meiner Berufschulklasse waren.” – Ja, das mag ja sein, daß es Dumpfbacken waren. Glaube ich dir sofort, kenne auch welche. Aber diese sind nur so dämlich, weil es bei ihnen _keine_ gute Bildung ab Kleinkindalter gab! Wenn das eingeführt wird, hast du auch in den Berufsschulen keine solchen Deppen mehr.
    2. “Das eigentliche Problem unseres Schulsystems sind doch die Schüler.” – Das ist die gleiche Argumentation wie “Die Deutsche Bahn funktioniert eigentlich ganz wunderbar und reibungslos, wenn nur nicht immer diese lästigen menschlichen Beförderungsfälle stören würden…”
    3. “Sascha, hat es dir oder mir geschadet” – Das können wir nicht beurteilen. Woran willst du das denn festmachen? Das wir noch leben? Das wir einigermaßen vernünftig denken können? Da kann ich auch sagen: Ich finde meinen Großvater ganz vernünftig, bei ihm gab es noch die Prügelstrafe in der Schule, offenbar hat es ihm nicht geschadet, also sollten wir die Prügelstrafe wieder einführen.

  5. C.Stahlam 01.10.2009 um 19:33

    Bei manchen wäre die Prügelstrafe vielleicht gar nicht mal falsch ;-).
    Das eine vernünftige Bildung im Kleinkindalter sehr wichtig ist, bestreite ich gar nicht. Da muss auch einiges getan werden. Es kann nicht sein, das ein Kind mit Migrationshintergrund in der vierten Klasse nicht deutsch sprechen geschweige denn schreiben kann. Aber da sind zum grossen Teil auch die Eltern Schuld, die ihre Kinder in ihrer Kultur gross ziehen wollen und teilweise von der deutschen Kultur und Sprache vollkommen abschotten. Sollen aber für Versäumnisse, die im Kindergarten schon anfingen, nun elf-zwölf oder dreizehnjährige drunter “leiden”.

    By the way: Ich find es lustig, wenn der Gregor von Gleichberechtigung in der Bildung redet, er aber gleichzeitig jegliche Gleichberechtigung in der Steuerpolitik über den Haufen wirft.

  6. T.Stahlam 01.10.2009 um 22:19

    1. “Ein Jurist”. Ja und? Wo ist das Problem? Siehe auch meinen Kommentar bei meinem Wunsch-Verteidigungsminister.

    Ich bevorzuge es wenn Leute, die etwas zu sagen haben oder die eine Richtung vorgeben wollen, überdurchschnittliche Kenntnisse auf dem Gebiet vorweisen können und sich nicht nur dadurch auszeichnen die hand gehoben zu haben, als der Chef nach einem Leiter der Abteilung XY gefragt hat.

    2. “Kinder werden NIE die gleichen Bildungschancen haben.” Wieso? Die Probleme sind menschengemacht, also können auch Menschen sie lösen. Man muss es nur _wollen_, und darf nicht resignieren (letzteres schimmert bei dir ein wenig durch).

    Wie möchtest Du ausgleichen, daß die Mutter meiner Kinder drei Sprachen spricht, Germanistik studiert hat, Klavier spielen kann und sich in Wirtschaftswissenschaften auskennt und daß ihr Vater gut in Mathe, Physik, Chemie, Englisch, Geschichte und Technik ist? In all diesen Bereichen können meine Kinder Hilfe von ihren Eltern bekommen. Andere Kinder werden diesen Vorteil nicht haben.
    Wie willst Du das ausgleichen? Außer dadurch, daß Du uns verbietest unseren Kindern zu helfen.

  7. Blogwartam 01.10.2009 um 22:44

    @T:
    zu Punkt 2: Niemand will etwas “verbieten”. Es geht darum, Kindern zu helfen. Wenn du denkst, daß deine Kinder aufgrund der Bildung der Eltern keine Probleme haben werden, dann freu dich doch. Es wird dir da niemand reinreden.
    Aber es gibt auch Kinder aus sozial schwächeren Familien, aus Familien ohne akademischen Hintergrund. _Diesen_ Kindern muss die Gesellschaft ihre geballte Unterstützung zukommen lassen, mit Ganztagsbetreuung, ausgeweiteten Schulangeboten und was der möglichen Programme noch mehr sind. Und zwar in einer Art und in einem Unfang, daß deren Chancen mit denen deiner hypothetischen Kinder vergleichbar sind.
    Darum geht es. Nicht mit den Schultern zu zucken beim Anblick sozialer Probleme und zu sagen “Das war schon immer so, daß wird NIE besser”. Anpacken!

  8. T.Stahlam 01.10.2009 um 23:00

    Aber es gibt auch Kinder aus sozial schwächeren Familien, aus Familien ohne akademischen Hintergrund. _Diesen_ Kindern muss die Gesellschaft ihre geballte Unterstützung zukommen lassen, mit Ganztagsbetreuung, ausgeweiteten Schulangeboten und was der möglichen Programme noch mehr sind. Und zwar in einer Art und in einem Unfang, daß deren Chancen mit denen deiner hypothetischen Kinder vergleichbar sind.

    Hmm, meine Mutter ist gelernte Herrenschneiderin mit so ungefähr acht Jahren Volksschule (hieß das damals wohl). Papa hat beim Bund die Mittlere Reife nachgeholt.
    Trotzdem hab ich ein Abi und einen Dipl.-Ing.

    Mann, was hätte ich werden können, wenn ich in Deiner Traumwelt aufgewachsen wäre!?

    Das gleiche? Ja.

    Und in meiner Traumwelt?

    Das gleiche. Nur etwas schneller. MIT Studiengehühren wäre ich schneller fertig geworden.

    Kann es sein, daß der Unterschied zwischen Christian und seinen Mitschülern nicht so sehr im familiären Hintergrund steckt, in der fehlenden “geballte Unterstützung der Gesellschaft, Ganztagsbetreuung und ausgeweiteten Schulangeboten”, sondern im Vorhandensein oder der Abwesenheit von Fleiß?

  9. T.Stahlam 01.10.2009 um 23:05

    Darum geht es. Nicht mit den Schultern zu zucken beim Anblick sozialer Probleme und zu sagen “Das war schon immer so, daß wird NIE besser”. Anpacken!

    Das erinnert mich ans Arbeitsleben. Teile aus der Musterwerkstatt halten 150Nm, Sicherheitsfaktor >2, alles I.O. Teile aus der Serienfertigung halten nur noch 80Nm, Sicherheitsfaktor <1.5. Die Konstruktion denkt über eine Designänderung nach, während der Kunde fordert nachzuforschen, was an den neuen Teilen anders ist, schließlich hat das gleiche Design schonmal 150Nm gehalten.

    Es war schon mal besser. Wir sollten uns vielleicht mal fragen, wie wir zum status quo ante zurückkommen.

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