Respekt für Wolfgang Thierse
Jeder, der sich einem Nazi-Aufmarsch in den Weg stellt, oder versucht ihn anderweitig zu verhinden, hat höchsten Respekt verdient. In besonderem Maße gilt dies für prominente Persönlichkeiten, können sich diese doch an einer Hand abzählen, daß sie aufgrund ihrer sozial exponierten Position am ehesten von den üblichen rechtslastigen Gazetten und Institutionen angegriffen werden, wenn es im Zuge des Protests erforderlich ist, das Gesetz zu – sagen wir mal – dehnen.
Nun ist es Wolfgang Thierse geschehen. Der Bundestagsvizepräsident hatte sich am 1. Mai einer Sitzblockade angeschlossen, die versuchte, den Zug einer Horde Braunhemden zu stören. Obwohl Thierse schon der ersten Aufforderung der Polizei nachkam, den Weg freizugeben (der SPIEGEL berichtet das), muss er sich wohl auf rechtliche Konsequenzen gefasst machen. Thierse dürfte damit gerechnet haben; einem langjährigen MdB müsste die entsprechende Gesetzeslage bekannt sein. Umso höher ist seine Courage einzuordnen.
Traurig in diesem Zusammenhang ist nur die Reaktion der Gewerkschaft der Polizei, die sich ziemlich eindeutig äußert: Thierses Verhalten sei “würdelos”.
Diese Einschätzung wiederum halte ich für eine Katastrophe.
Mir ist auch klar, daß die Polizei keinen Beifall klatschen kann, wenn jemand versucht, eine genehmigte Versammlung zu stören. Aber eine Verlautbarung wie hier beschrieben ist schon ziemlich dämlich. Widerstand gegen Nazis ist “würdelos”? Starker Tobak! Die GdP hätte einfach ruhig sein können und die Kommentierung den Stellen überlassen sollen, die auch für eine strafrechtliche Verfolgung zuständig sind (sofern überhaupt eine zustande kommt), also den Staatsanwaltschaften. Aber das vorliegende Verhalten ist schlicht und ergreifend Wasser auf die Mühlen der Rechten und öffnet Spekulationen Tür und Tor, wes Geistes Kind bestimmte Personen in der GdP sind.
