Es ist schon ein komisches Gefühl, wenn man SF Filme oder Bücher in dem Jahr schaut bzw. liest, in welchem sie handeln. Ich schwanke dann immer zwischen Entsetzen, wie alt ich schon geworden bin, und Enttäuschung, wie wenig weit es meine Mitmenschen doch gebracht haben, verglichen mit den dargestellten Errungenschaften der Geschichten.
Gestern gesehen: 2010. Natürlich nicht das allererste Mal, aber das erste Mal in diesem Jahr. Im Jahr 2010…
Die politischen Voraussagen des Films sind in die Hose gegangen, zugegeben. Es gibt heute keine starke UdSSR mehr, welche als gleichstarker Partner neben den USA auftritt. Aber vielleicht nimmt ja China in ein paar Jahren diese Rolle ein?
Und die technischen Visionen… okay. Eine bemannte Reise zum Jupiter ist heute immer noch Zukunftsmusik. Wir waren ja noch nicht mal auf dem Mars. Da hinken wir ziemlich hinter den Visionen von Arthur C. Clarke hinterher. Aber nicht, weil wir es nicht besser könnten, sondern weil wir dumm sind:
Die Kosten, um ein Team auf den roten Planeten zu schicken, werden derzeit mit ca. 500 Milliarden Dollar veranschlagt.
Klingt das nach viel?
Der Irakkrieg hat die USA übrigens bisher über 600 Milliarden Dollar gekostet.
In diversen Medien (taz, SPON) wird momentan vom Fall Jannine Menger-Hamilton berichtet. Die junge Frau ist Tochter eines Briten und einer Italienerin. Aufgewachsen ist sie in Deutschland, sie lebt in Hannover.
Menger-Hamilton möchte nun Deutsche werden. Das Problem: Für den niedersächsischen Verfassungsschutz ist sie in der falschen Partei. Nämlich in der Die Linke. Und dort auch noch aktiv, als Pressesprecherin im Landtag.
Das geht nicht, sagt das Land, und lehnt ihren Antrag ab.
Ja, mit sowas kennt er sich aus, der deutsche Beamte. Deutscher darf nur werden, wer die entsprechende rechte Gesinnung hat. Immerhin, das Land Niedersachsen hat von Menger-Hamilton keinen Ariernachweis verlangt. Ist doch schon mal ein Fortschritt.
Ein israelisches Killerkommando schleicht sich in einen souveränen Staat und begeht dort heimtückisch einen Mord – und zu welchem Statement ringen sich die europäischen Außenminister durch?
“The killing of Mahmoud al-Mabhouh in Dubai on 20 January raises issues which are profoundly disturbing to the European Union.
This was an action which cannot be conducive to peace and stability in the Middle East.
The EU strongly condemns the fact that those involved in this action have used fraudulent EU Member States’ passports and credit cards acquired through the theft of EU citizens’ identities.
The EU welcomes the investigation by the Dubai authorities and calls on all countries to cooperate with it. The countries concerned in the EU are themselves carrying out full investigations into the fraudulent use of their passports.
The EU is committed to ensuring that both EU citizens and countries around the world continue to have confidence in the integrity of EU Member States’ passports. It believes that its passports remain among the most secure in the world fully meeting all international standards. EU Member States’ passports include a range of physical security measures to prevent forgery and abuse.”
Nicht die Tatsache, daß ein Mensch ermordet wurde, sorgt für Empörung, sondern daß die Israelis die schönen europäischen Pässe genutzt haben.
In Berlin sind im letzten Jahr ca. 300 Autos abgefackelt worden. Mit Hamburg, einer weiteren Hochburg dieser Aktionen, sind es zusammen vielleicht 500 Autos.
Ist das viel?
Nunja. In Frankreich brannten 1137 Autos. Und zwar allein in der Neujahrsnacht.
Insgesamt etwa 40.000 (in Worten: vierzigtausend!) Autos haben sich im 2009 in Frankreich in Rauch aufgelöst.
Und was machen die Deutschen, anstatt sich daran ein Beispiel zu nehmen? Sie erfinden die teure Abwrackprämie.
… wie die kleinen Kinder, echt wahr! Anstatt gegeneinander zu sticheln, sollten die mal lieber eine geschlossene Opposition darstellen. Nötig wäre es bei dem Scheiß, den die Regierung abliefert… ach ja, worauf ich anspiele, ist die Rede von Gysi vom 17.12.:
Menschen müssen ein Interesse am Schutz und am
Erhalt ihrer natürlichen Lebensgrundlage haben. Die
These, dass wir die Natur zerstören, ist falsch. Das können
wir gar nicht; so stark ist der Mensch nicht. Ich gebe
Ihnen einmal ein ganz anderes Beispiel: Sie wissen ja,
dass der französische Staat seine Atomwaffenversuche
immer im Ozean in der Nähe des Bikini-Atolls durchgeführt
hat. Dort kann von uns keiner mehr hin, weil dieses
Gebiet stark kontaminiert ist.
(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
Da darfst du gar nicht hinfliegen – wegen
CO2!)
– Nun warte doch mal, Frau Künast. Du wirst das auch
noch verstehen.
(Beifall bei der LINKEN – Renate Künast
[BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Bitterfeld lag
in der DDR und nicht in der BRD, mein Lieber!)
Der Chef des größten Umweltverschmutzerlandes der Erde kann nicht länger bei einer Konferenz zur Rettung des Klimas bleiben, weil das Wetter so schlecht ist und zum Abflug zwingt…
Ich will ins Irrenhaus. Ist unter Garantie normaler als das, was man die letzten Tage in Kopenhagen bewundern durfte.
Schaut es euch ganz genau an. Die vollen neun Minuten.
Wie unschwer zu erkennen, sind das aktuelle Aufnahmen aus Kopenhagen, von den Demonstrationen im Umfeld des sogenannten Klima-Gipfels. Dort versammeln sich tausende von Menschen, um zu demonstrieren, gegen die Fortführung von Umweltzerstörung, für eine strikte Klimapolitik der Länder dieser Erde.
Die Menschen ziehen friedlich durch die Straßen oder sitzen am Boden, um ihrem Willen nach einer besseren, auch für unsere Kinder lebenswerten Welt Ausdruck zu verleihen. Eigentlich ein Wunsch, der jedem Menschen eine Selbstverständlichkeit sein sollte, der nicht nur an sich denkt, sondern auch an die, die nach ihm kommen.
Und nun schaut es euch an, wie der Staatsapparat darauf reagiert. Die Polizeihorden gehen hier nicht auf einen gewalttätigen “schwarzen Block” los, nein.
Menschen, die einfach nur auf der Straße sitzen, wird der Knüppel übergezogen.
Frauen, die sich bereits schreiend am Boden winden, bekommen noch mal eins über.
Mit sadistischer Freude wird Leuten in Sitzblockaden Pfefferspray direkt in die Augen gesprüht.
Erhobene Hände, das Zeichen dafür, daß man sich ergibt, wird ignoriert. Wieder der Knüppel.
Entsetzen und Hass. Das lösen diese Bilder bei mir aus.
Entsetzen darüber, daß solche Vorkommnisse mitten in Europa allmählich zum Normalfall werden (Andere Beispiele gefällig? Siehe hier, hier und hier). So etwas erwartet man von autoritären Regimen, aber nicht im zivilisierten Europa. Eigentlich. Wo ist noch der Unterschied zu den Aufnahmen der prügelnden Basidsch-Milizen nach den Wahlen im Iran? Hier wie dort wird gerechtfertigter Protest von Menschen in übelster, überzogener und menschenverachtender Weise niedergeschlagen, einfach weil er den Mächtigen nicht in den Kram passt.
Völliger Quatsch, werden einige nun sagen, und den mittlerweile völlig ausgeleierten Spruch auspacken, den redblog in seinem Bericht über das Video zynisch formuliert hat:
[Zynismusmodus on] Natürlich sind diese Szen nicht mit denen aus Diktaturen vergleichbar, schließlich ist Dänemark eine Demokratie und das vorgehen der Polizei völlig rechtsstaatlich … [Zynismusmodus off]
Weil Dänemark, Deutschland oder andere westliche Länder sich selbst “Rechtsstaat” nennen, sind qua definition alle Aktionen der Polizei korrekt, unfehlbar und nicht in Frage zu stellen? Wer das ernsthaft glaubt, sollte vielleicht nochmal in sich gehen. Oder alternativ direkt in die Klapse.
Entsetzen auch darüber, mit welcher Brutalität die Polizei gegen Wehrlose vorgeht. Nochmal: Das Video zeigt in aller Deutlichkeit, daß auf Menschen, die sich ergeben haben, mit dem Knüppel eingedroschen wird. Auf Menschen, die am Boden liegen.
Bei manchen Tieren gibt es eine Beisshemmung. Darüber verfügen viele Polizisten offenbar nicht.
Bei so einer Vorgehensweise, wenn man jemanden, der bereits am Boden liegt, wehrlos, hilflos, noch weiter gegen den Kopf tritt, gehen wir davon aus, dass derjenige die Möglichkeit erkennt, dass sein Opfer zu Tode kommen wird und sich mit diesem Ergebnis jedenfalls abfindet.
So hatte sich ein Staatsanwalt nach den Ereignissen in der Münchner S-Bahn geäußert, als Dominik Brunner von zwei Jugendlichen zu Tode getreten wurde. Alle Verantwortlichen in der deutschen Politik äußerten nach diesen Vorkommnissen ihre Fassungslosigkeit darüber, daß selbst dann noch Gewalt angewandt wurde, als Brunner schon hilflos am Boden am Boden lag.
Die Rahmenbedingungen und die Folgen des Brunner-Falls einerseits und der Kopenhagener Polizeiexzesse andererseits sind zwar nicht vergleichbar. Dennoch muss die Frage erlaubt sein, wieso in München bei brutaler Gewalt gegen einen Wehrlosen von einem Verfall der grundlegendsten Werte des menschlichen Zusammenlebens gesprochen wird, man der dänischen Polizei aber dieses durchgehen lässt.
Und Hass und Abscheu richten sich auf die beteiligten Polizisten persönlich. Wie kann man nur? Es ist schon schlimm genug, daß man sich von den Mächtigen für ihre Ziele derart instrumentalisieren lässt und sich dafür zur Verfügung stellt, die aufschreienden Völker dieser Erde mundtot zu machen. Aber dann auch noch freiwillig in vorderster Front auf die Mitmenschen einschlagen, die offenbar im Gegensatz zu dem polizeibehelmten Kopf über soviel Grips verfügen, daß sie nicht nur bis zur nächsten Gehaltszahlung denken sondern auch an die kommenden Generationen?
Ich höre schon wieder das Geblubber, “es wäre halt ihr Job”. Bullshit, sage ich dazu nur. Jeder einzelne Polizist hat es selbst in der Hand, wie er sich verhält. Es gibt Aufnahmen von Sitzblockaden bei Castor-Transporten, die zeigen, das es auch anders geht: Größtenteils vernünftig und ohne überflüssige Gewalt lösen da Polizeikräfte die Versammlungen auf. Die Menschen werden einzeln angesprochen, ob sie freiwillig aufstehen möchten, verneinen sie, werden sie weggetragen. Keine Knüppel, kein Geschrei, kein Pfefferspray. (Das soll nicht heißen, daß alle Aktionen bei Castor-Transporten seitens der Polizei in Ordnung sind! Es gibt auch ganz andere Videos.)
Gegenüber solchen Polizisten, die ruhiges Blut bewahren, empfinde ich dann auch keine Wut. Höchstens Enttäuschung darüber, daß sie ihre persönlichen Ziele (Job behalten! Keinen Ärger riskieren!) über -- um mal wieder auf Kopenhagen zurückzukommen -- einen Kurswechsel in der Klimapolitik stellen. Offenbar können diese Leute ihren Nachwuchs nicht sonderlich gut leiden.
Das Problem der Polizeiexzesse wäre ja keines, wenn sie denn im Nachhinein aufgeklärt würden. Schwarze Schafe gibt es überall, diese banale Wahrheit trifft auch auf die Polizei zu.
Leider ist es bei den Polizeikräften dann aber nicht so, daß gegen diese (hoffentlich!) Minderheiten vorgegangen wird. Das Gegenteil ist der Fall: Ein falschverstandener Korpsgeist schützt sie (aktuell berichtet der SPIEGEL über dieses Phänomen). Und somit ist die gesamte Polizei dann doch wieder ein einziger großer Block, der bei solchen Veranstaltungen regelmäßig die übergeordneten Interessen der Völker (Umwelt, Klima, Atommülllagerung) mit Füßen tritt und sich aus falsch verstandenem Pflichtgefühl gegen die Mitmenschen wendet.
Würde sie sich auf das konzentrieren, was man im Allgemeinen unter Polizeiaufgaben versteht -- wirkliche Kriminalität bekämpfen -- dann würde sich die Akzeptanz und Beliebtheit der Polizei ganz von allein verbessern, und die Polizeigewerkschaft müsste sich nicht mehr beklagen, daß die Aggression gegenüber Polizisten immer weiter zunehme.
“Aber die Polizei handelt nun mal nach dem Gesetz. Es kann doch nicht jeder Polizist selbst entscheiden, was richtig und was falsch ist!” (Gern gehörtes Gegen”argument”).
Kein Polizist soll sich sein persönliches Gesetzbüchlein ausdenken. Das verlange ich nicht. Aber jeder sollte die großen Vorgaben der Gesetze mit seinem persönlichen Wertegerüst abstimmen. Denn was sagt denn sonst ein Polizist über sich, wenn er ausschließlich nach obigem Satz agiert, und blind nach dem Gesetzestext handelt? Das würde besagen, daß im Gesetz beliebiges drin stehen könnte, er würde danach handeln.
Morgen kommt eine neue Regierung an die Macht, die ins Gesetz schreibt, daß Schwarze nach Belieben vermöbelt werden dürfen. Der brave nur-Gesetz-Polizist würde danach handeln.
Dann doch lieber Polizisten mit starkem Rückgrat, die sagen: Das Gesetz ist Bullshit. Dem Schwarzen, der zusammengeschlagen wird, helfe ich dennoch. Atommüll, der tausende Jahre strahlt, ist nachfolgenden Generationen nicht aufzubürden, für diesen Castor-Transport räume ich nicht den Weg frei. Und wenn Menschen ihre Wut über kurzsichtige Klimapolitik in die Nacht rufen, dann trete ich zur Seite, lasse sie durch, marschiere mit ihnen zum Konferenzort und hoffe, wie alle Menschen hoffen sollten, daß die geballte Wut und der Schrei der Völker den Mächtigen solche Angst einjagt, daß sie am Ende doch klein beigeben.
SPIEGEL ONLINE zitiert eine britische Studie, welche untersucht hat, welche Berufsgruppen zum Wohlstand einer Gesellschaft beitragen. Wer ist “wichtiger”, die einfache Reinigungskraft oder der geschniegelte Banker?
Man kann es sich denken, oder?
Banker und Steuerberater sind danach das schlimmste Pack. Jede Vermögenseinheit, die diese verdienen, geht der Gesellschaft verloren. Im Gegensatz zu beispielsweise Kinderbetreuern oder Müllmännern.
Leute, das wundert nicht wirklich. Das hat Volker Pispers schon in seinem Programm von 2004 gehabt!
Und irgendwie muss ich dabei an diese kleine Episode aus Per Anhalter durch die Galaxis denken… an das Schiff der Werbefachleute, Marketingstrategen und Telefondesinfizierer:
“Die Idee war, daß in das erste Raumschiff, die Arche A, all die genialen Führungspersönlichkeiten kommen sollten, die Wissenschaftler, die bedeutenden Künstler, verstehen Sie, alle die großen Macher; und ins dritte Schiff, die Arche C, kamen alle Leute, die die ganze Arbeit machen, die die Sachen tun und die Dinge machen; und schließlich in die Arche B -- das sind wir -- kamen alle übrigen, die Mittelsmänner und Agenten, verstehen Sie?”
Er lächelte sie glücklich an.
“Und wir wurden als erste losgeschickt”, schloß er und summte eine kleine Badewannenmelodie.