Konsequenzen aus dem Öl-Debakel
Die Ölpest im Golf von Mexiko ist die größte Umweltkatastrophe in der Geschichte der USA. Die Zahlen sprechen für sich. Zum Vergleich: Die Exxon Valdez verschmutzte im Jahr 1989 mit 41 Millionen Liter Öl die Küsten Alaskas. Aus dem Bohrloch am Meeresgrund im Golf ist bislang fast viermal so viel ausgetreten.
Ein absolutes Grauen für die Ökösysteme im Meer und an den Küsten. Allen PR-Bemühungen von BP zum Trotz sickern allmählich Bilder durch, wie man sie sich schlimmer nicht vorstellen kann. Ölverschmierte Pelikane, die hilflos im braunen Ölschlamm feststecken. Qualvoll verendete und angeschwemmte Delphine, denen das Öl das Atemloch zugeschmiert hat.
Eigentlich will man sich solche Bilder überhaupt nicht anschauen. Es ist einfach zu furchtbar. Dennoch sollte man die Augen davor nicht verschließen. Denn nur der, der sich den Geschehnissen und ihren Auswirkungen wirklich stellt, kann einsehen, daß die Konsequenzen radikal sein müssen.
Die größte Schuld trägt – na klar – der verantwortliche Konzern. BP ist dran. Nachdem in den letzten Wochen die Vorgeschichte der Explosion der Deepwater Horizon offenbar geworden und klar geworden ist, welche eklatanten Sicherheitsverstöße die Verantwortlichen begangen haben, muss diese Firma büßen.
Klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Schon gar nicht in den USA, wo an erster Stelle nicht die Sorge um die Umwelt steht, sondern die Frage, wer das alles bezahlt.
Aber noch nicht mal das wird sichergestellt. Täglich kann man lesen, wie angeblich die “Wut auf BP wächst”. Klingt toll, aber die Konsequenzen sind gleich null. Empörte Bürgermeister und Gouvaneure geben Interviews, Barack Obama fliegt dauernd an die Küste und diktiert den Reportern in ihre Blöcke, er sei wütend, aber was passiert? Richtig, nichts.
Im Gegenteil, es wird zugelassen, daß sich BP weiterhin um seine Publicity und seinen Börsenwert sorgt. Der CEO von BP tritt in einem Werbespot auf und verkündet in diesem landesweit, in allen TV-Kanälen zur Prime Time, er sei “deeply sorry”, und seine Firma würde für alles aufkommen, selbstverständlich! Die in diesen Spot versenkten 50 Millionen Dollar wären bei der Reinigung und Rettung von Vögeln weitaus sinnvoller aufgehoben gewesen.
Um den Börsenwert von BP nicht zu ruinieren, laufen mittlerweile Anstrengungen, alle Aktivitäten hinsichtlich der Katastrophe in eine eigenständige Firma auszulagern. Tolle Taktik, der Bürger kennt das noch von der Finanzkrise: Gute Papiere ins Töpfchen, schlechte in die Bad Bank. Aus dem Auge, aus dem Sinn. Nur verbessert hat sich die Lage davon keinen Deut.
All das lässt man BP durchgehen. Die Amerikaner reagieren nicht. Die politischen Führer beschränken sich darauf, zu schimpfen und mit dem Finger zu drohen, die Staatsorgane gar lassen sich in die mafiösen Aktionen des Ölmultis einspannen. Es ist der helle Wahnsinn, daß Journalisten, die über das Desaster berichten wollen, von staatlichen Polizisten mit den Worten verscheucht werden, man “arbeite für BP”. Das Heimatzschutzministerium wiederum nutzt seine gesetzlich garantierte Machtfülle um zu verhindern, daß sich unabhängige Beobachter aus der Luft ein Bild der Lage machen.
Die “letzte verbliebene Supermacht”? Der “mächtigste Mann der Welt”? Das ich nicht lache. Wo ist denn die Machtfülle, wenn es darauf ankommt? Was muss denn noch passieren? Liebe Leute, BP und seine willfährigen Helfer ruinieren gerade das Leben eurer Küstenbewohner, zerstören unwiderbringlich ein riesiges, komplexes Ökosystem, begehen Massenmord an bedrohten Vögeln, Schildkröten und Walen, sie berauben viele kommende Generationen ihrer Zukunft und begehen ein Verbrechen an der gesamten Menschheit. Und ihr tut nichts dagegen, sondern lasst zu, daß deren primäre Aufmerksamkeit immer noch ihrem Profitstreben gilt.
Wir reden hier ganz klar von einem Notstand, und im Notstand gelten andere Regeln als im Normalfall. Im Notstand darf sich ein Staat Rechte herausnehmen, die er sonst aus gutem Grund nicht hat.
Hier heißt das: Die USA selbst müssen die Oberhoheit über die Eindämmung der Unfallstelle und die Aufräumarbeiten übernehmen. Da aber staatliche Stellen entsprechendes Equipment selbst nicht besitzen, lautet die logische Konsequenz: BP muss gezwungen werden, alles, aber auch wirklich alles einzusetzen, was in den Arsenalen ist. Know How, Menschen und Geldmittel. Beschlagnahmt ihren Besitz, enteignet Tochterfirmen, sperrt Konten, völlig egal – Hauptsache, das halbherzige Handeln hat ein Ende.
Bedauerlicherweise ist das eine völlig irreale Hoffnung von mir. Denn wir reden ja von den USA. Enteignung? Um Himmels Willen, das wäre ja Eingriff in die Privatwirtschaft, geht überhaupt nicht! Selbst wenn der gesamte Golf von Mexiko in braunem Schlamm versinkt, tanzt dieses dämliche Volk immer noch um das goldene Kalb.
Ein kurzfristiges Umdenken ist also wohl Träumerei. Leider. Nicht viel besser dürfte es um die langfristigen Konsequenzen stehen, die man ziehen müsste. Eigentlich.
Wie der SPIEGEL in seiner vorletzten Printausgabe berichtete, sind Beinahe-Katastrophen auf Ölbohrplattformen, die – wie die explodierte Deepwater Horizon – in extreme Tiefen von 1500 Meter und mehr vorstoßen, nichts ungewöhnliches. Im Golf ist es nun zum ersten Mal schiefgegangen, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis es auch anderswo geschieht.
Aus der aktuellen Katastrophe kann man nur den Schluss ziehen: Keine neuen Ölbohrungen im Meer mehr. Ausnahmslos. Es ist mir scheißegal, wieviele Jobs da dranhängen, oder was mit dem ach so heiligen “Wirtschaftswachstum” geschieht, wenn sich der Ölpreis verdoppelt. Nichts, absolut nichts kann den Verlust aufwiegen, den die Welt momentan erleidet.
Doch auch bei dieser nötigen Einsicht sehe ich schwarz. Dieser Tage sah ich eine Dokumentation im TV, welche die Folgen für die Küstenbewohner von Alabama zeigte. Die Fischer sind hilflos angesichts der Lage, und um Trost zu suchen, versammelten sie sich in der örtlichen Kirche und bekamem von ihrem Priester zu hören, sie sollten beten, daß die Ölmassen die Küsten verschone und das so etwas nie wieder geschehe.
Nach dem Gottesdienst stiegen die Leute in ihre geparkten SUVs, ließen den Motor an, und dann ging es mit 15 Litern Spritverbrauch nach Hause.



